EN-GJL, EN-GJS, EN-GJV einfach erklärt

Wer Gusszeichnungen liest oder Angebote vergleicht, stößt unweigerlich auf Kurzzeichen wie EN-GJL-250 oder EN-GJS-400-15. Diese Bezeichnungen sind nach DIN EN 1560 europaweit einheitlich normiert und ersetzen die früher gebräuchlichen nationalen Kurzzeichen wie GG oder GGG. Wer die Systematik dieser Kennzeichnung einmal verstanden hat, kann jeder Werkstoffangabe auf einer Zeichnung sofort die wichtigsten mechanischen Eigenschaften entnehmen.

Auf den Punkt

  • EN-GJL, EN-GJS und EN-GJV sind Kurzzeichen nach DIN EN 1560 für Gusseisenwerkstoffe mit unterschiedlicher Graphitform.
  • GJL = Grauguss (Lamellengraphit), GJS = Sphäroguss (Kugelgraphit), GJV = Vermiculargraphitguss (würmchenförmiger Graphit).
  • Die nachfolgende Zahl (z. B. GJL-250) gibt die Mindestzugfestigkeit in N/mm² an – bei GJS zusätzlich oft eine zweite Zahl für die Bruchdehnung.
  • Die Kurzzeichen sind europaweit einheitlich und lösen die früheren nationalen Bezeichnungen (z. B. GG, GGG) ab.

Aufbau der Werkstoffbezeichnung

Jede Bezeichnung nach DIN EN 1560 folgt einem festen Schema:

  1. EN kennzeichnet die europäische Norm als Bezugssystem.
  2. G steht für Gusswerkstoff (guss).
  3. J steht für Eisen (vom englischen „iron“, in der Normbezeichnung als Buchstabencode für Eisenguss verwendet).
  4. Der dritte Buchstabe kennzeichnet die Graphitform: L für lamellar, S für sphärolithisch (kugelig), V für vermicular.
  5. Die folgende Zahl gibt die Mindestzugfestigkeit in N/mm² an, bei duktilen Sorten (GJS, teils GJV) ergänzt um eine zweite Zahl für die Mindestbruchdehnung in Prozent.

Ein Beispiel: EN-GJS-400-15 bezeichnet Sphäroguss mit einer Mindestzugfestigkeit von 400 N/mm² und einer Mindestbruchdehnung von 15 %.

Wichtig für die Praxis ist eine Unterscheidung, die in Zeichnungen oft nicht deutlich wird: DIN EN 1560 regelt nur das Bezeichnungssystem, also die Logik der Kurzzeichen selbst. Die tatsächlichen mechanischen Eigenschaften jeder Werkstoffsorte sind in eigenen Werkstoffnormen festgelegt – für Grauguss in der DIN EN 1561, für Sphäroguss in der DIN EN 1563 und für Vermiculargraphitguss in der DIN ISO 16112. Eine Zeichnungsangabe wie „EN-GJL-250“ verweist also implizit auf die DIN EN 1561, in der die zugehörigen Grenzwerte für Zugfestigkeit, Härte und weitere Eigenschaften definiert sind.

EN-GJL – Grauguss

GJL steht für Gusseisen mit Lamellengraphit, geregelt in der DIN EN 1561. Die Zugfestigkeitswerte liegen typischerweise zwischen etwa 100 und 350 N/mm² (z. B. EN-GJL-150 bis EN-GJL-350). Da die lamellare Graphitstruktur den Werkstoff spröde macht, wird bei Grauguss üblicherweise keine Bruchdehnung angegeben – sie liegt praktisch bei null. Die niedrigeren Zahlenwerte bei GJL bedeuten nicht automatisch eine geringere Eignung: Für dämpfungsrelevante Anwendungen wie Maschinenbetten ist Grauguss mit niedrigerer Festigkeit oft die technisch passendere Wahl.

EN-GJS – Sphäroguss

GJS steht für Gusseisen mit Kugelgraphit, geregelt in der DIN EN 1563. Die Bandbreite der Zugfestigkeitswerte reicht deutlich weiter als bei Grauguss – von Standardsorten wie EN-GJS-400 mit hoher Duktilität bis zu hochwarmfesten, siliziummolybdänlegierten SiMo-Sorten, die auch bei erhöhter Betriebstemperatur ihre Festigkeit behalten, etwa im Abgasbereich von Nutzfahrzeugen. Diese Bandbreite erlaubt es, Sphäroguss gezielt zwischen hoher Zähigkeit, hoher Festigkeit und thermischer Beständigkeit auszulegen, je nachdem, welche Eigenschaft für das jeweilige Bauteil im Vordergrund steht.

EN-GJV – Vermiculargraphitguss

GJV steht für Gusseisen mit vermicularem Graphit, geregelt in der DIN ISO 16112. Gängige Sorten sind EN-GJV-300 und EN-GJV-400. Die Bezeichnung ist in der Praxis seltener anzutreffen als GJL oder GJS, da Vermiculargraphitguss gezielt für Bauteile mit einem spezifischen Anforderungsprofil zwischen Grauguss und Sphäroguss eingesetzt wird – etwa für thermisch und mechanisch gleichzeitig hoch beanspruchte Bauteile wie Zylinderköpfe oder Abgaskrümmer.

Übersicht der drei Werkstoffgruppen

KurzzeichenGraphitformTypische ZugfestigkeitBruchdehnungCharakteristik
EN-GJLlamellarca. 100–350 N/mm²praktisch keinespröde, sehr gute Dämpfung
EN-GJSkugeligca. 350–700 N/mm²bis ca. 22 % (je nach Sorte)duktil, hohe Festigkeit
EN-GJVvermicular (würmchenförmig)ca. 300–450 N/mm²gering bis mäßigzwischen GJL und GJS

Warum die genaue Kennzeichnung für die Praxis wichtig ist

Auf Zeichnungen wird häufig nur das Kurzzeichen ohne weitere Erläuterung angegeben – für Einkäufer und Konstrukteure, die nicht täglich mit Gusswerkstoffen arbeiten, kann das leicht zu Missverständnissen führen. Wird beispielsweise eine hohe Festigkeitsklasse gefordert, ohne dass die tatsächliche Bruchdehnungsanforderung geprüft wurde, kann die Wahl auf eine Sphäroguss-Sorte mit geringerer Duktilität fallen, als das Bauteil im Betrieb eigentlich benötigt. Ein bewusster Blick auf beide Zahlenwerte der Kurzbezeichnung – Festigkeit und, wo angegeben, Bruchdehnung – verhindert solche Fehlinterpretationen bereits bei der Zeichnungserstellung.

Fazit

EN-GJL, EN-GJS und EN-GJV folgen einer einheitlichen, europaweit gültigen Systematik nach DIN EN 1560, die auf einen Blick Graphitform, Zugfestigkeit und – bei duktilen Sorten – Bruchdehnung erkennen lässt. Wer diese Systematik versteht, kann Werkstoffangaben auf Zeichnungen nicht nur lesen, sondern auch kritisch hinterfragen, ob die gewählte Sorte tatsächlich zur Bauteilbeanspruchung passt.

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Häufige Fragen zu EN-GJL, EN-GJS und EN-GJV

Was bedeutet die Zahl hinter EN-GJL oder EN-GJS?

Sie gibt die Mindestzugfestigkeit in N/mm² an. Bei EN-GJS folgt oft eine zweite Zahl, die die Mindestbruchdehnung in Prozent angibt, etwa bei EN-GJS-400-15.

Sind GG und GGG dasselbe wie EN-GJL und EN-GJS?

GG und GGG waren die früheren deutschen Kurzzeichen für Grauguss und Sphäroguss. Sie wurden durch die europäisch einheitlichen Bezeichnungen EN-GJL und EN-GJS nach DIN EN 1560 abgelöst.

Warum hat Grauguss keine Bruchdehnungsangabe in der Bezeichnung?

Weil die lamellare Graphitstruktur den Werkstoff spröde macht – die Bruchdehnung liegt praktisch bei null und wird deshalb in der Kurzbezeichnung nicht separat ausgewiesen.

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